HomeDörferNaturHighlightsLinksKontakt

Mittelalterliche Turmhügel in der Prignitz

Ein Turmhügel in Dannenwalde

Als Dannenwalder Kind wunderte ich mich über einen am Rande des Mühlenteiches gelegenen Hügel, Weinberg genannt. In Dannenwalde baute man keine Weintrauben an, und mit seiner Größe - etwa 20 m im Durchmesser, hätten sich auf diesem Hügel nur wenige Trauben ernten lassen. Wir Kinder liefen über die kleine, den Graben querende Brücke, doch dort gab es für uns nichts zu entdecken. Der von einigen Bäumen bestandene und von einem Graben umgebene Hügel wirkte nutzlos und überflüssig.

Inzwischen bezeichnen Fachleute diesen Hügel als mittelalterlichen Turmhügel, denn Manfred Teske, ehrenamtlicher Denkmalpfleger, fand dort im Wurzelwerk eines umgefallenen Baumes Brocken von mit Stroh durchsetztem Lehm, Überbleibsel von verbranntem Lehmfachwerk

Mein Interesse für den Dannenwalder Turmhügel führte zu dem in den Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Prignitz 2006 erschienenen Aufsatz „Mittelalterliche Turmhügel in der Prignitz“, den ich im Folgenden gekürzt und mit zusätzlichen Abbildungen wiedergebe:

Turmhügel

Nach dem Wendenkreuzzug 1147 war das Land östlich der Elbe in deutscher Hand. Jetzt warben der Landesherr, Albrecht der Bär und die Territorialherren (für die Prignitz der Bischof von Havelberg, die Familie Edle Herren Gans zu Putlitz bzw. zu Wittenberge oder zu Perleberg und die Edle Herren von Plotho im Kyritzer Raum) Siedlungswillige jeglicher Nation aus dem Gebiet westlich der Elbe an, um das von Wenden nur dünn besiedelte zu bevölkern und zu christianisieren. Angesichts von Bevölkerungsüberschuss und dem oft schlechtem Besitzrecht folgten viele dem Versprechen günstigerer Lebensbedingungen, denn den Neusiedlern wurde persönliche Freiheit und Freizügigkeit geboten, sowie ein günstiges Besitzrecht in Gestalt von Erbzinsrecht: Eigentum am Gehöft, Erbleihe am dazugehörigen Grund und Boden, etwa zwei Hufen, gegen Erbzins und andere Abgaben. Es entstanden in erster Linie Bauerndörfer mit gemeindlicher Selbstverwaltung und Dorfschulzengericht (Niedergericht mit Schulze und Schöffen). Die Herrschaftsrechte (Verleihung von Grund und Boden) sowie das Gerichtswesen lagen beim Territorialherren und später beim Landesherren. Im Laufe der Zeit veräußerte der häufig finanzschwache Landesherr sein Grundeigentum und damit seine Herrschaftsrechte mehr und mehr an Klöster, Städte oder an den ansässigen Adel.

Die Anlage neuer Dörfer leiteten "Lokatoren" oder Ritter. Für diese Leistung erhielten sie häufig Ackerland, etwa 3 bis 5 Hufen, für die sie dem Territorialherren keine Abgaben schuldeten, sondern im Kriegsfall dienen und ein Lehnspferd stellen mussten. Zu ihrem Schutz und wohl auch zur Betonung ihrer Stellung errichteten sie auf einem von Wasser umgebenen Hügel Fachwerktürme oder auch steinerne Türme und schützten sich durch Graben, Pallisadenzaun und Hügel vor feindlichen Überfällen.

Modell eines Turmhügels

Modell eines Turmhügels mit Fachwerkturm

Aus dieser Zeit blieben meist nur von Gräben umgebene Hügel erhalten haben, die wir als Turmhügel bezeichnen. Im Mittelalter kannte man den Begriff Turmhügel nicht, sondern bezeichnete solche Bauten als burg, hus, slot, oder auch castrum. Dem bei Fachleuten heute üblichen Vorgehen entsprechen, benenne ich im folgenden Anlagen mit mehr als 50 m Durchmesser als Burgen und kleinere durch einen Hügel gekennzeichneten Anlagen als mittelalterliche Turmhügel oder auch als Turmhügelburgen. Ich stelle die Eigenart unterschiedlicher Turmhügel vor und versuche in abschließenden Überlegungen Gründe für den Bau unterschiedlicher Turmhügeltypen zu finden. Dabei liegt der Schwerpunkt meiner Arbeit auf den in der Neuzeit nicht überbauten Turmhügeln. Burgen und Wasserburgen der Prignitz führe ich auf, ohne weiter auf sie einzugehen.

Schemazeichnungen und Grundrisse

Turmhügel - Schemazeichnungen und Grundrisse

In der Prignitz blieb von den auf den Turmhügeln und Turmhügelburgen errichteten Türmen die Ruine eines aus Feldstein errichteten Wohnturmes in Mesendorf erhalten. Auf dem kleinen Kehrberger Turmhügel steht altes Gemäuer; die Turmhügel in Gadow und Fretzdorf bergen vielleicht Überreste steinerner Wohntürme. Für den Turmhügel in Groß Welle überliefert Herrmann 1960 die Nachricht von einem steinernen Turm. Weitere steinerne Wohntürme mögen in Neuhausen, Kletzke, Meyenburg und Horst gestanden haben, lassen sich aber wegen späterer Überbauung schwer nachweisen. Für Schloss Wolfshagen wird von einem zerstörten mittelalterlichen Turmhügel berichtet. Auf den kleineren Turmhügeln in Hoppenrade, Schilde und Streesow standen vermutlich Fachwerktürme, s. Abb. 1.

Im Folgenden beschreibe ich die Burgen und Turmhügel in alphabetischer Reihenfolge nach festem Schema. Da bei der Beantwortung meiner Frage nach Gründen für die Errichtung unterschiedlicher Turmhügel Besiedlungsgeschichte und damit Eigenheiten der Dorfanlagen eine Rolle spielen, gebe ich die Siedlungsform wie Runddorf, Angerdorf, Straßendorf oder auch Sackgassendorf an und notiere Eigenheiten des Siedlungsnamens.

Lage: Zur exakten Lageangabe notiere ich die Koordinaten, in der Regel UTM-Koordinaten als Ostwert (E) und Nordwert (N), in einigen Fällen die Gauß-Krüger-Koordinaten als Rechtswert (R) und Hochwert (H). Hinzu kommen - wenn vorhanden - Angaben zur Lage zur Kirche und zum ehemaligen Gutshaus oder Gutshof.

Siedlungsform: Runddorf, Angerdorf usw.

Siedlungsname: Slawisch, deutsch, Eigenheiten des Siedlungsnamens.

Befund: Kurze Beschreibung des Gesehenen, dabei beziehen sich die Angaben zur Höhe der Hügel auf die Höhe gegenüber dem umgebenden Gelände.

Typ: Einordnung der Anlagen nach dem vorgestellten Schema.

Literatur: Erwähnungen in der Fachliteratur, vor allem aus dem historischen Ortslexikon von Enders 1997 - häufig wörtlich - Angaben zur Ersterwähnung und zur mittelalterlichen Geschichte des betreffenden Ortes. Dabei berücksichtige ich auch Angaben zu Raubüberfällen, zur Anzahl der Hüfner und Kossäten und zur Bodenqualität. (Hüfner: Bauern, die Teile des bei der Anlage des Dorfes in Hufen ausgemessenen Landes beackern; Kossäten/Kleinbauern verfügen nicht über Hufenland).

In abschließenden Überlegungungen versuche ich Gründe für den Bau unterschiedlicher Turmhügeltypen zu finden.


↑ nach oben ↑