Mittelalterliche Turmhügel in der Prignitz
Analyse der Befunde
Ein Blick auf die Turmhügel der Prignitz zeigt: Alle Turmhügel liegen nahe von Gutshaus und Gutshof im Dorf oder nah einer Dorfwüstung. Fast alle waren von einem 3-10 m breiten Graben umgeben. Viele Turmhügel besaßen durch angrenzendes feuchtes Gelände eine gute Verteidigungslage. Nur die von keinem mit Wasser gefüllten Gräben umgebenen kleinen, flachen Hügel wie Quitzow und Mankmuß besitzen eine Böschung, während die von einem wasserführenden Graben umgebenen, flachen Hügel wie Hoppenrade und Groß Welle nicht geböscht sind, denn das Wasser „schluckt“ die durch Regen, Schnee und Wind hinabfallende Erde. Diese Überlegung zeigt auch, dass die von Gräben umgebenen Plateaus in alter Zeit etwas größer gewesen sein müssen.
Die Turmhügelanlagen sind unterschiedlich strukturiert: Kleine, runde, flache Turmhügel, Abb. 2, finden sich in Groß Welle, Hoppenrade, Mankmuß, Natteheide, Quitzow und Schilde; in Streesow und Wüstung Horst bei Neuendorf sind die vergleichbaren Hügel viereckig. Auf einigen dieser Hügel stand, wie für Groß Welle überliefert, ein steinernes Haus. Für den Turmhügel in Neuendorf/Wüstung Horst bezeugen Brocken verbrannten Lehms einen Fachwerkbau. Die von den flachen Turmhügeln deutlich unterscheidbaren höheren Hügel mit breiter Böschung in Dannenwalde und Burghagen, Abb. 3, 4, 5, bezeichne ich als kleine, runde Turmhügel mit Böschung und die großen Bauten mit ihrem ausgemauerten und überwölbten „Eiskeller“ in Fretzdorf, Abb. 6, und Gadow nenne ich große, hohe, runde geböschte Turmhügel.
Von diesen Turmhügeln unterscheidet sich die Gruppe der großflächigeren Turmhügelburgen, s. Abb. 2, die wie die Anlagen in Nettelbeck und Triglitz ein rechteckiges, flaches etwa 30x50 m großes, 1.50 m hohes Plateau besitzen. Unter diese Turmhügelburgen sind auch der runde Trockenberg in Meyenburg und die ovale Anlage in Wüsten Buchholz einzuordnen. Bei den Anlagen von Mesendorf, Kehrberg und Lohm liegt auf dem flachen Plateau ein das Wohngebäude tragender kleiner Sonderhügel, von mir als Turmhügelburg mit Turmhügel bezeichnet, s. Abb. 2.
Zur Datierung geben die Befunde wenige Hinweise: Die Bearbeitung der Feldsteine des Gemäuers, auf dem Hügel von Mesendorf findet sich vergleichbar bei Kirchen des 13. Jh. Die Lage von Gutshaus und Gutshof im Rund des Dorfes Burghagen macht es wahrscheinlich, dass Dorf und Turmhügel zur gleichen Zeit angelegt wurden. Die Wüstung Horst bei Neuendorf wurde bereits 1343 von Neuendorf aus beackert. Diese Hinweise sprechen dafür, dass die Turmhügel zur selben Zeit wie die Dörfer entstanden. Spazier 2000 gibt an, dass die Turmhügel in dem von ihr untersuchten Elbe-Bober-Gebiet Ende des 12. Jahrhunderts und im 13. Jahrhundert entstanden und bis ins 15. Jahrhundert bewohnt blieben. Das mag auch auf die hier beschriebenen Turmhügel zutreffen, vielleicht wurden sie wegen des in der Prignitz besonders starken Raubritterunwesens noch etwas länger genutzt.
Weshalb errichteten die die Dörfer anlegenden Lokatoren Turmhügel mit breitem Graben und Pallisadenzaun? Sie siedelten im Land der Wenden! Ein Brief des Bischofs Anselm von Havelberg beschreibt die Lage um 1150: „Einige von uns bauen einen Festungsturm im Angesicht des Feindes, andere stehen Wache gegen die Angriffe der Heiden. Einige, die sich ganz dem Gottesdienst hingeben, erwarten täglich das Martyrium.“ Mag der Bischof in seinem Schreiben die Lage dramatisieren – die Bedrohung ist deutlich. Helmold von Bosau, S. 278, berichtet von einem Überfall der Slawen auf die Burg Mecklenburg im Jahr 1164 „Da gelangte das Heer der Slawen, welches an Zahl und Ausrüstung stärker war, in heftigem Kampfe in die Burg und tötete alle Männer in derselben, nicht einen von der Bevölkerung der Ansiedler ließen sie am Leben. Ihre Weiber und Kinder führten sie in die Knechtschaft und steckten die Veste in Brand.“ Herrmann 1970, S. 352 f, überliefert einen um 1210 geschriebenen Brief des Askaniers Albrecht II. „Ohne sie (die deutschen Siedler Anm. d. Verf.) kann dieses Land (d.h. Die Mark Brandenburg) nicht vor dem Ansturm der Slawen bewahrt werden, die gegen den katholischen Glauben .... ankämpfen und das Land besetzen wollen; denn ihre Väter sind, weil sie Heiden waren, durch diesen Markgrafen und seine Väter machtvoll vertrieben worden ....“. Wie diese Zitate belegen, bestand für die im Wendenland siedelnden Deutschen im 12. und 13. Jahrhundert aller Grund, ihre Ansiedelungen zu befestigten.
Auch im 14. und 15. Jahrhundert gab es Gründe, sich durch Turmhügel vor Überfällen zu schützen, das zeigen die Angaben von Enders 1997: Gruppen von Rittern, meist waren es mecklenburgische Ritter, raubten Dörfer und Rittersitze aus, zündeten sie an und zogen mit geraubtem Gut und gestohlenem Vieh von dannen. Prignitzer Ritter zogen ihrerseits zu Raubzügen nach Mecklenburg. Mochten die Ritter beim nächsten Überfall auch das gestohlene Gut zurückholen, der durch solche Raubzüge angerichtete Schaden war dennoch groß: Häuser und Scheunen verbrannten. Brotgetreide und Vieh fehlten, und die zur Vorsorge gebauten Verteidigungsanlagen verursachten Mühe und Kosten. Enders bezeugt solche Raubzüge für das 14. und 15. Jahrhundert. Vermutlich waren sie ab Mitte des 14. Jahrhunderts häufig, denn einerseits kam es damals zur „kleinen Eiszeit“, d.h. die Temperaturen sanken und die Äcker brachten geringere Erträge. Zum anderen führt die in den Jahren 1347-1351 und auch danach auftretende Pest, „der schwarze Tod“, vor allen in den Städten zu einem dramatischen Rückgang der Bevölkerung und zu entsprechendem Rückgang von Getreidenachfrage und Getreidepreisen. Das soziale Gleichgewicht geriet aus den Fugen! Die Ritter konnten den gewohnten Lebensstandard nicht halten und ergänzten das Fehlende durch Raub. Das betraf ganz Deutschland. In der Mark Brandenburg fehlte außerdem nach dem Aussterben der Askanier im Jahr 1319 eine starke, ordnende politische Führung, die solch Raubrittertum verhinderte. Wenn die Ritter dem später Überfallenen vorher die Fehde ansagten, hatten sie das Fehderecht auf ihrer Seite, waren also im Sinne überkommenen Rechtes keine gesetzlosen Straßenräuber. Erst im Jahr 1495 wurde dieses alte Fehderecht durch den auf dem Reichstag zu Worms beschlossenen „Ewigen Landfrieden“ abgeschafft.
Turmhügel oder Turmhügelburg?
Karte der Turmhügel und Turmhügelburgen der Prignitz
Weshalb errichtete man so unterschiedliche Verteidigungsanlagen?
Die regionale Verteilung von Turmhügeln und Turmhügelburgen ergibt keinen Hinweis auf Gründe für die Bevorzugung der einen oder anderen Struktur, denn wie die Karte zeigt, finden sich Turmhügel und Turmhügelburgen in der gesamten Prignitz, jedoch massiert in einem breiten, von West (Lenzen) bis Ost (Kyritz) ziehenden Streifen.
Bei der Entscheidung des Erbauers für einen kleinen oder einen großen Turmhügel, eine Turmhügelburg oder eine Turmhügelburg mit Turmhügel darauf wie in Kehrberg können Vermögen, lokale Gegebenheiten, Besiedelungsgeschichte, Siedlerherkunft eine Rolle gespielt haben:
Alle Turmhügel boten durch Wassergraben und Pallisadenzaun Schutz vor Überfällen. Auf den kleinen flachen, relativ leicht zu errichtenden Turmhügel fanden vermutlich nur ein Wohngebäude Platz, daneben vielleicht ein der Vorratshaltung dienendes Grubenhaus. Solche kleinen Turmhügel bezeugten den Rang des Besitzers und sorgten für Schutz vor Raubüberfällen für die Bewohner des Hügels und für Schutz des evtl. im Erdgeschoss untergebrachten Viehs.
Hingegen bot das großflächige Plateau einer Turmhügelburg Raum und damit Schutz für Burgbesitzer, Gesinde, Wirtschaftsgebäude und Vieh. Doch der Arbeitsaufwand beim Errichten von Turmhügelburgen war deutlich größer und die Verteidigungslinie erheblich länger. Bei den Turmhügeln auf einer Turmhügelburg ist kein den kleinen Hügel umgebender Graben erkennbar und es ist ungewiss, ob auf dem kleinen Hügel noch ein Pallisadenzaun Platz fand. Lag der besondere Vorteil von Turmhügelburg mit Sonderhügel in noch besserer Verteidigungsmöglichkeit? Oder im prestigereicheren, höher gelegenen Turm?
Die Erbauer der kleinen runden Turmhügel wie die in Groß Welle, Hoppenrade/Zeterbow, Natteheide, Mankmuß, Quitzow, Schilde und Streesow sowie die Erbauer der ganz anders strukturierten Turmhügelburgen in Kehrberg, Lohm, Triglitz und Nettelbeck mögen dem niederen Adel angehört haben. Das „feste Haus“ in Mesendorf und die gewaltige Turmhügelburg in Kietz bezeugen höheren Anspruch. Fretzdorf verdankt seinen großen Turmhügel vermutlich seiner Funktion als markgräfliches festes Haus.
Weshalb bevorzugten die Turmhügelerbauer die eine oder die andere Struktur? Diese Frage habe ich in meinem Aufsatz gründlich behandelt und fasse hier die Ergebnisse kurz zusammen. Eine vergleichende Untersuchung von Turmhügeltyp mit Siedlungsform, Ortsnamen und Ortsgröße führt zu keinem Ergebnis, während sich eine deutliche Beziehung zwischen Turmhügeltyp und Erträgen ergibt: Die für 1686 notierten Erträge liegen bei den kleinen, runden flachen Turmhügeln mit Klasse 2 deutlich höher als die Erträge von Dörfern mit Turmhügelburgen , Klasse 3. Gehören die kleinen, runden, flachen Turmhügel bzw. die dazugehörigen Dörfer einer relativ frühen Besiedlungsschicht an, in der kundige Lokatoren günstige Standorte für ihre Dorfanlagen besetzen konnten?
Die stark geböschten und evtl. überbauten Turmhügel in Burghagen und Dannenwalde entsprechen nicht diesem Deutungsversuch: Dannenwalde weicht mit Ertragsklasse 4 deutlich von den anderen kleinen runden Turmhügeln ab; der Name von Burghagen, Ertragsklasse 2, macht wahrscheinlich, dass dieser Ort in eine späte Siedlungsperiode gehört.
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