Feldsteinbauten in der Prignitz
Feldsteinkirchen – ihre Entwicklung
Unsere Altvorderen haben den Feldstein seit uralter Zeit genutzt. Das zeigen die Hügelgräber in Mellen (Jungsteinzeit) und in Seddin (Bronzezeit). Im Mittelalter errichteten die ab Mitte des 12. Jh. in Ostdeutschland siedelnden Bauern leicht zu erbauende Fachwerkkirchen. Etwa hundert Jahre später begannen sie steinerne Kirchen zu bauen und nutzten den Feldsteine als billiges, dauerhaftes, allerdings schwer zu bearbeitendes Baumaterial. Bauleute schlugen aus großen Findlingen Quader und errichteten daraus die von uns heute bewunderten ehrwürdige Feldsteinkirchen. Nur in der Feldstein-armen Elbtalaue, wie in Abbendorf, Legde und Rühstädt errichtete man schon im Mittelalter Kirchen aus Backstein. Auch der mittelalterliche Backsteinchor der Kirche von Schilde lässt sich so erklären, denn auch für diesen Bereich gibt die geologische Karte Auenlehme und Auensande an.
In der Prignitz besitzt fast jedes Dorf eine Kirche, das ist nicht überall so, z.B. gehören im nahen Mecklenburg meist vier bis fünf Dörfer zu einer Kirche. Doch die die Prignitz christianisierenden, in Havelberg ansässigen Prämonstratenser sahen für jedes Dorf jeweils eine, je nach Anzahl der Bauernstellen unterschiedlich große Kirche vor, und so steht in jedem Dorf eine Kirche, die in ihrer Größe die Größe des alten Dorfes widerspiegelt.
Feldsteinekirche in Drewen
südliches Portal
Dreifenstergruppe
Vielleicht die älteste Kirche der Prignitz ist die kleine Kirche in Schilde mit ihrem guten Quadermauerwerk und ihrem vermutlich ebenfalls aus dem 13. Jh. stammenden schmaleren Backsteinchor, dessen Dreifenstergruppe sich hinter einer Gruft verbirgt. Besonders eindrucksvoll ist die Nordseite, an der die alten schmalen Fenster erhalten blieben. Im Inneren dieser Kirche finden wir sogar ein Stück des alten aus Feldstein (Lesesteinen) gelegten Fußbodens.
Die Kirche von Schilde mit Backsteinchor und barockem Fachwerkturm.
Die Nordseite der Kirche von Schilde mit alten schmalen Fenstern.
Mit Feldsteinen befestigter Fußboden in der Kirche von Schilde.
Die Mauern der Kirche von Schilde zeigen noch mehr: Erhabene, wagerecht und senkrecht verlaufende, stark angewitterte Putzstreifen überziehen die Mauern. Heute sind diese Streifen schwer aufzufinden und lassen sich nur an der Nordwand deutlich erkennen. Doch in alter Zeit trugen diese Streifen wesentlich zum Gesamtbild der Kirche bei. Vermutlich überzogen die Bauleute nach Fertigstellung des Mauerwerks die Fugen mit Putzmörtel, den sie am Stein verstrichen, dabei aber einen zwei Zentimeter breiten Steg stehen ließen, der dann geweißelt wurde. Zur Zeit ihrer Erbauung überzog die neue Kirche mit ihrem frisch behauenen und damit farbstärkeren rötlichen, bläulichen oder grauen Gestein ein Netz weißer Streifen. Entsprechenden Fugennetze überzogen auch die Mauern der Kirchen von Drewen und Gantikow, lassen sich aber kaum noch auffinden. Sorgfältig ausgeführten Quaderbau des 13. Jahrhunderts mit Resten des alten Fugennetzes zeigen auch die Kirchen von Lindenberg, Garz und Groß Welle. Auch in Kehrberg sehen wir guten Quaderbau mit Fugennetz und finden außerdem an der Nordwand oben Reste von altem Putzfries und unten, als Abschluss des Sockels, eine Lage dunkel glasierter Ziegel.
Nordmauer der Kirche von Schilde mit Putzleisten.
Um 1300, also etwas später als die bislang aufgeführten Kirchen, entstand die Kirche von Nebelin, deren Mauerwerk aus etwas weniger sorgfältig behauenen Feldsteinen besteht und breitere Fugen zwischen den Steinen zeigt. Nur Ecksteine und Fensteröffnung sind sorgfältig behauen. Auch hier finden wir ein sich über die nun größeren Putzflächen ziehendes Fugennetz, das nicht wie in Schilde aus erhabenen Leisten, sondern aus im Abstand von knapp zwei Zentimeter verlaufenden Ritzungen besteht, in denen Fachleute weiße und rötliche Farbreste finden – das Schönheitsempfinden hatte sich also seit der Erbauung der Kirche von Schilde deutlich gewandelt: Die Feldsteine sind weniger sichtbar, es dominieren größere Putzflächen mit farblich betonten geritzten Doppellinien. Als Kennzeichen etwas späterer Zeit finden wir an dieser Kirche vermehrt Backstein: Die Fenster der Seitenwände sind noch in Feldstein, doch die Fenster des Ostgiebels und die Portale sind mit Backstein gemauert. Über der Dreifenstergruppe zeigt der Ostgiebel frühen Blendenschmuck. Dazu besitzt die Kirche in Nebelin eine reiche, aus dem Barock stammende Ausstattung.
Kirche von Nebelin.
Nordseite der Kirche von Nebelin: Mauerwerk mit eingeritzten Scheinfugen.
Nebelin In Backstein gearbeitetes Portal.
Den veränderten Umgang mit Feldstein lässt auch die der Mitte des 14. Jahrhunderts entstammende kleine Kirche in Kolrep erkennen. Die Steine liegen zwar noch in deutlich erkennbaren Lagen. Doch die Putzflächen sind groß und zeigen wie in Nebelin parallel laufende wagerechte und senkrechte Ritzungen. Für diese Verarbeitung wurden die Feldsteine nicht mehr behauen, sondern nur gespalten – eine sehr viel einfachere Arbeit. Die gleichfalls aus gespaltenen Feldsteinen errichteten Kirchen von Dannenwalde, Demerthin, Söllenthin und Vehlin mögen ebenfalls im 14. Jh. entstanden sein.
Die Kirche in Kolrep.
Kolrep: Mauerwerk mit großen Putzflächen und deutlicher Ritzung.
Die Kirche von Zernitz zeigt die weitere Entwicklung des Feldsteinbaus, denn bei dieser im 15. Jh. entstandenen, kurzen, rechteckigen Feldsteinkirche mit Westquerturm sind Kanten, Türen und Fenster aus Backstein gemauert. Das Mauerwerk besteht wie in Kolrep aus gespaltenen, weitgehend vom Putz verdeckten Steinen. Im Putz lassen sich auch hier wagerecht und senkrecht parallel verlaufende Ritzungen nachweisen. An der Ostwand sehen wir ein von gekuppeltes Stichbogenfenster zwischen zwei Stichbogenfenstern, darüber am Giebel gestaffelte Stichbogenblenden aus Backstein. Interessant ist der in 6 m Höhe liegende schmale Turmeingang. Die Kirche besitzt eine aus der Zeit um 1700 stammende, sehr sehenswerte Ausstattung.
Die Kirche in Zernitz.
Ostgiebel der Kirche in Zernitz.
In Zernitz liegt der alte Kirchturmeingang 6 m hoch.
Anfang des 16. Jh. entstand die Königsberger Kirche. Sie zeigt mit sehr unregelmäßigem Feldsteinmauerwerk, großen Putzflächen, breiten, rundbogigen, in Backstein gefassten Fenstern, Backsteinportalen und Backsteinkanten die Spätzeit prignitzer Feldsteinkirchen. An der Nordwand sind die Ritzungen im Putz gut zu erkennen und dort, wo der Putz abgebröckelt ist, zeigt sich der zur besseren Haftung des Putzes mit Backsteinstücken durchsetzte Mörtel. Die Abbildung verdeutlicht auch, dass solche Feldsteinmauer aus unterschiedlichen Gesteinen besteht. Sehr schön ist der Ostgiebel mit dreizonig gereihten Backsteinblenden – nur leider von Stützfeilern beeinträchtigt. Auch andere Feldsteinkirchen des 16. Jh. wie die Kirchen von Barenthin und Quitzöbel zeigen prachtvolle Blendengiebel.
Ostgiebel der Kirche in Königsberg.
Abb.: Mauerwerk der Kirche von Königsberg.
Mischmauerwerk mit dominierendem Backstein und nur die Flächen füllendem Feldstein sehen wir an der zu Beginn des 16. Jh. entstandenen Heilig-Grabkapelle in Heiligengrabe. Die um 1500 erbaute Kirche von Toppel zeigt ebenfalls Mischmauerwerk, doch diese Kirche wurde im 19. Jh. durch einen Westturm und einen gestuften Ostgiebel erweitert, das macht sie interessant: Südseite und Nordseite – hier mit kleinen Resten von altem Putzmörtel – demonstrieren altes Mischmauerwerk. Hingegen zeigt der später angebaute Turm wenig differenziertes Feldsteinmauerwerk des 19. Jahrhunderts.
Abb. Kirche in Toppel
Abb. Mauerwerk Turm, 19. Jh.
Abb. Südseite mit Mischmauerwerk
Abb. Mauerwerk Nordseite um 1500
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