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Prignitzdörfer

Die Schönheit der Prignitzdörfer, von denen viele ihre mittelalterliche Struktur noch deutlich erkennen lassen, ist weithin unbekannt. Deshalb stelle ich einige dieser Dörfer vor und erläutere ihre Struktur. Wir finden 80 Runddörfer (Rundlinge), 38 Angerdörfer, 5 Marschhufendörfer, 20 Sackgassendörfer und 78 Straßendörfer, 29 sonstige Formen (nach L. Enders 2000).

Rundlinge bzw. Runddörfer

In die Runddörfer oder auch Rundlinge genannten Orte führt nur ein Weg. Die im Rund angeordneten Häuser umschließen einen mehr oder weniger weiten Anger, auf dessen Mitte etwas erhöht die Kirche steht. Die hinter den Häusern liegenden großen Gärten enden mit einem Streifen dichten Gebüschs. Häufig ist das geschlossene Rund gegen Wiesengelände oder einen Bach gerichtet. Der meist tropfenförmige Zugang führt zur Straße, s. Ortsplan von Klein Woltersdorf. Durch diese Dorfstruktur waren Runddörfer und die ihnen ähnlichen Sackgassendörfer in unruhigen, kriegerischen Zeiten nicht leicht auffindbar und schlecht zugänglich.

Die prignitzer Runddörfer sehen anders aus als die viel bekannteren Runddörfer des Wendlandes, denn im Gegensatz zu den giebelständigen Fachwerk-Bauernhäusern in den Rundlingen des Wendlandes wie im Dorf Satemin wenden die aus Backstein gebauten Bauernhäuser der prignitzer Rundlinge ihre Breitseite der Straße zu, sind also "traufständig".

Karte von Klein Woltersdorf

Karte von Klein Woltersdorf um 1900, 1:10 000

Das Runddorf Klein Woltersdorf

Runddorf Klein Woltersdorf

Das weiter unten vorgestellte Dorf Klein Woltersdorf ist eines der wenigen erhaltenen Runddörfer in die auch heute nur ein Weg führt.

Lanz ist ein großes Runddorf mit heiter blühenden Vorgärten. Ansehnliche Bauernhäuser zeugen von altem Wohnstand. In der Mitte des Dorfes steht die von hohen Bäumen umgebene Feldsteinkirche mit dem für die Prignitz charakteristischen verbretterten Turm. Diese Kirche besitzt eine alte, reiche Innenausstattung mit barockem Kanzelaltar und einem reizvollen Taufengel. Ein kleines Museum erinnert an den "Turnvater" Jahn (1778-1852).

Die Feldsteinkirche in Runddorf Lanz

Feldsteinkirche inmitten des Runddorfes Lanz

Empfehlenswert: Gasthof Paesler - alter Familienbetrieb mit guter Küche und günstigen Preisen: Gasthaus Paesler, Friedrich-Ludwig-Jahrn-Str. 13, 19309 Lanz, Tel.: 0387807302

In dem leider von einer viel befahrenen Straße durchschnittenen Rundling Helle umgeben gut gehaltene Bauernhäuser das Rund. Die um 1900 errichtete anmutige Dorfkirche besitzt eine sehenswerte Inneneinrichtung.

Das Rundlingsdorf Helle

Das Rundlingsdorf Helle

Die Kirche von Helle

Die Kirche von Helle

Die Orgelempore in der Heller Kirche

Orgelempore in der Heller Kirche

Auch das Rundlingsdorf Kolrep ist mit seinen Backsteinbauernhäusern, seinen Bäumen und dem wohlerhaltenen Kopfsteinpflaster sehenswert, dazu eine Feldsteinkirche mit kleinem Fachwerkturm im Ortsmittelpunkt.

Das weithin bekannte, leider nicht täglich geöffnete Gasthaus "Zur alten Eiche", Dorfstr. 22, 16866 Kolrep, 033975-50255 serviert vorzügliches Essen auf selbst getöpfertem Geschirr.

Sackgassendörfer

Das weiter unten genauer beschriebene Dorf Königsberg repräsentiert die lang gestreckten Sackgassendörfer. Sie besitzen wie die Rundldörfer nur einen Zugang, werden also nicht wie Anger- und Straßendorf von einer Straße durchschnitten.

Karte des Dorfes Königsberg

Karte des Dorfes Königsberg um 1900, 1:10 000

Dorfanger im Sackgassendorf Königsberg

Dorfanger im Sackgassendorf Königsberg

Angerdörfer

In den Angerdörfern stehen an beiden Enden des Dorfes die Häuser nahe der Straße, in der Dorfmitte weitet sich der Dorfraum zu einem häufig von Gras bewachsenem Anger in dessen Mitte die Kirche steht.

Karte des Angerdorfes Görike

Karte des Angerdorfes Görike um 1900, 1:10 000

Der von Westen in das Dorf Görike kommende Besucher sieht die im weiten Oval um Dorfanger und Kirche stehenden Bauernhäuser vor sich liegen und erfasst so mit einem Blick die Dorfstruktur. Die auf dem Dorfanger stehende Feldsteinkirche besitzt einen mittelalterlichen, prächtigen Schnitzaltar.

Die Feldsteinkirche von Görike

Auf dem Dorfanger steht die Feldsteinkirche von Görike

Nahe von Görike liegt das schöne Angerdorf Söllenthin. Das kleine Angerdorf Breitenfeld stelle ich weiter unten vor.

Marschhufendörfer

Die merkwürdigsten Dörfer bietet die Prignitz in der Elbtalaue: Die Marschhufendörfern wie Mödlich, Besandten, Unbesandten, sind von der Straße her wenig attraktiv, denn ihre schönen häufig noch reetgedeckten Häuser blicken auf den alten Verkehrsweg, den Deich. Wir finden hier keine Bauernhöfe mit Stall und Scheune sondern Hallenhäuser, die Wohnteil, Stall und Scheune in einem Gebäude vereinen, dazu oft schön gestaltete Toreinfahrten. Es sind Marschhufendörfer, wie in anderen Hufendörfern wie etwa den Hagenhufendörfern bei Stadthagen liegen die Äcker in breitem Streifen hinter den dadurch in großem Abstand voneinander liegenden Höfen.

Grundriss eines Hallenhauses

Grundriss eines Hallenhauses in Groß Woots von 1798

Die früher in der Prignitz häufigeren Hallenhäuser entsprechen dem niedersächsischen Hallenhauses. In den "Kunstdenkmälern für die Westprignitz" (1909) findet sich der Grundriss eines Hallenhauses in Groß Woots und eine Beschreibung von dessen Nutzung, die ich hier wiedergebe:

"Fluss und Deich auf der einen, Wiesen und Äcker auf der anderen Seite weisen dem Hause seine Stellung zu; jenen wendet es die Fenster der Wohnung, diesen die Ställe und die Einfahrt zu."

"Das sehr gestreckte Gebäude ist fast der ganzen Länge nach dreiteilig gegliedert. Der hohe mittlere Hauptraum, die Diele, mit lehmgestampftem Boden dient als Dreschtenne und ist durch das bogenförmige Tor (grot dör) inmitten des Giebels mit dem hoch beladenen Ernetewagen befahrbar.. Nach diesem und den hochgeschwungenen Dreschflegeln richtet sich die Mindesthöhe. Beiderseits begleiten ihn vorn die niedrigen Viehstände, unter deren schrägen Dachflächen in der "Hill" das hier wohl verwahrt liegende und zugleich vor eindringender Kälte geschützte Futter untergebracht ist. An diesen niedrigen "Abseiten" laufen in der Diele die Krippen hin, welche von hier aus gefüllt werden. Weiterhin enthalten die Abseiten noch Kammern für Knechte und Mägde, für Milch und Geräte. Am Ende der dämmrigen, rauchgeschwärzten "Halle", über deren Balkenlage der "Hochbön" den Erntesegen birgt, öffnet sich ihr Raum nach beiden Seiten und erweitert sich in Gestalt eines Querschiffs in zwei Flügeln, den sogenannten "Utluchten" durch deren Fenster und Außentüren (lütte dör, achter dör) das Licht hineinflutet. An der Rückwand erhebt sich der von einem "Schwibbogen" überbaute Herd des Hauses. Hinter ihr schließen sich mehrere Stuben nebst Kammern an. Sie dienen nicht selten zwei Familien zur Wohnung, der des Besitzers und seinen noch lebenden Eltern, den "Altsitzern". In solchen Fällen stehen an der Rückwand der Diele auch zwei Schwibbogenherde. Ei n fest mit den Kammern verzimmerter wandschrankartiger Abteil, der "Bettloch", "Klabus" oder "Butze" genannt wird, enthält das Nachtlager für den Bauer und die Frau ........... . Bei Tage hatte die Frau ihren Platz beim Herde. Der linke Flügelraum der Wohndiele, von welchem die "lütge dör" zum nahen Brunnen führt, dient ihr jetzt meist als Wasch- und Spülküche. In der benachbarten Kammer der linken Abseite besorgt sie die Milchwirtschaft. Zur Ruhezeit sitzt sie zwischen Utlucht und Herd und spinnt. Von hier übersieht sie alle Eingänge, die Hantierungen der Mägde, das ganze Hauswesen. Wenn sie kocht so streicht der Rauch des Hausfeuers vom gedeckten Herde unter dem Schwibbogen hervor gegen die an Stangen unter der Decke Schinken und Speckseiten und durchdringt das im Hochbön aufgespeicherte Korn, um endlich durch die offenen Fache im Giebel über dem Dielentor und durch das sogenannte "Uhlenloch" in dessen Spitze seinen Ausgang zu finden. Der Wohnteil hat nur etwa die Hälfte der Höhe der Ställe, so dass über den Stuben noch ein "Kaffboden" angelegt werden konnte, der zuweilen auch als Kammer ausgebaut ist. Zu ihm führt eine Treppe von der Diele hinauf, deren langes oberes Podest den Küchenflügel brückenartig überspannt. Im übrigen ist das kellerlose Haus stets einstöckig."

Unter den Marschhufendörfern ist Mödlich mit seinen häufig noch reetgedeckten alten Bauernhäusern am reizvollsten. An einigen Giebeln finden wir sogar gekreuzte Pferdeköpfe. Die alte Backsteinkirche – in der Elbtalaue fehlen Feldsteine, deshalb finden wir dort frühe Backsteinkirchen – mit schön gestalteten gotischen Giebeln, merkwürdigem Alabasteraltar, sowie mit Schnitzereien verzierter Kanzel ist sehenswert. Vor der Kirche erinnert der Grabstein an den bedeutenden Amtmann und Admiral Gysel van Lier, von dessen Wirken vielerlei Geschichten berichten.

Haus in Mödlich

Haus in Mödlich

Straßendörfer gibt es in ganz Deutschland, doch ist ein Straßendorf wie z.B. Schönhagen wegen der "Torhäuser" sehenswert. Ein breites Straßendorf jüngeren Datums ist das mit seiner doppelten Allee sehr ansehnliche Dorf Groß Breese: Es wurde nach einem Brand im 19. Jh. neu errichtet.

Grundriss eines Torhauses

Grundriss eines Torhauses aus dem Jahr 1663

Torhaus bei Gumtow

Torhaus im Straßendorf Schönhagen bei Gumtow

Alle Karten und Grundrisse aus Kunstdenkmäler der Provinz Brandenburg, Bd. Ostprignitz 1907 und Westprignitz 1909


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