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Demerthin

Lage: 8 km westlich von Kyritz an der B 5

Das Schloss in Demerthin

Das Schloss

1438 wurden drei Vettern von Klitzing vom Kurfürsten mit Dorf und Gut Demerthin belehnt. Bis zum Jahr 1945 blieb Demerthin im Besitz der Familie von Klitzing. Eine Wappentafel über dem Rundbogenportal des Schlossturms bezeugt, dass die Witwe des Andreas von Klitzing, Katharina, geb. von Oppen, im Jahre 1604 das Schloss baute. Im Jahr 1748 gab ein Klitzing dem Turm eine barocke Haube. Da keine weiteren Umbauten erfolgten, finden wir heute noch den zu Beginn des 17. Jahrhunderts errichteten Bau.

Wenn wir von Kyritz kommend das Dorf Demerthin erreichen, sehen wir bald links am Ende einer kurzen Allee das Schloss liegen. Das vor kurzem verputzte Gebäude erstrahlt in zartem Rosa - ein prachtvoller Anblick! Wir bewundern den zweigeschossigen Bau mit seinen hohen Giebeln und dem den Eingang bewachenden Turm. Die Seitenfront wirkt dreigeschossig, da das Untergeschoss des Giebels hier nicht als Teil des Daches erkennbar ist. Im Inneren des zwischen Seitenfront und Parkseite vorstehenden Erkers verläuft eine schmale Treppe. Vermutlich diente dieser Erker früher als Abort.

An der Gartenseite des Hauses sehen wir ein paar dicke Eichen und Reste eines Eiskellers. Die alten Bäume und der reizvolle Durchblick auf Wiesen und Weiden erinnern an alte Parkschönheit.

Wir gehen durch das reich verzierte Portal ins Haus: Der große Kamin in der Eingangshalle wärmte vielleicht schon die erste Schlossherrin. Zwei Räume mit gotischem Sternrippengewölbe könnten aus einem Vorgängerbau stammen. Auf der breiten Wendeltreppe des Turms steigen wir in das Obergeschoss und finden in der Diele Stuck aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Stuck mit dem Klitzing Wappen im Stuck

Die Schlossräume beherbergen ein kleines Heimatmuseum: Ein mit Holzbänken, Tintenfass, Griffel und Schiefertafel ausgestatteter Schulraum zeigt, wie es in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in einer Dorfschule aussah. Der ländliche Alltag vergangener Zeiten wird uns mit vielerlei Gerät vor Augen geführt - besonders eindrucksvoll wirkt der mühselige Weg vom Flachs zum Leinen mit wässern, brechen, spinnen und weben.

Drei Klitzingfrauen in Demerthin

Kaetha von Klitzing - Erbauerin vom Demerthiner Schloss

Kaetha von Klitzing (1553-1621) erbaute Schloss Demerthin "aus den Erträgen von Milch, Butter und Eiern" - so will es die Familiensage.

Über dem Renaissance-Schlossportal von Demerthin lesen wir:

Andreas v Klitzink
Georgens sel. Sohn starb christlich zu Walsleben ao 1586 den 14. Jony und ist Den folgenden 23. Jony daselbst in der Kirchen christlich begraben.
Kaeta v. Oppen
Andreas v. Klitzink sel. Witwe hat dieses erbauen lassen Anno 1604
Unser Rhumb allein ist Christi Blut, das ehr von Sündt vns waschen thvdt

Über der Inschrift zwei Wappen - v. Klitzing - v. Oppen.

Wer war die Frau, die dieses prachtvolle Schloss erbaute?

Das Renaissanceschloss mit seinen scharf geschnittenen Giebeln hat die früh verwitwete Kaetha gebaut. Doch die dazu notwendige Basis verdankte sie ihrem Mann, Andreas von Klitzing (1526-1586), der Demerthin, Rosenwinkel, 0,5 Karnzow besaß, zusammen mit seinen Vettern mit Drewen, Blumenthal, Schönebeck, Brüsenhagen, Rehfeld, Pinnow, Kolrep, Sarnow, Bork und Wutike belehnt war und für seine hervorragenden Verdienste zusammen mit dem Kanzler Lambert Distelmeyer vom Kurfürsten Joachim II. die Güter Walsleben und Radensleben erhielt.

Also heiratete Kaetha (Katharina), geb, von Oppen (1553- 1621), Tochter des Erzstiftisch Magdeburgischen Hauptmanns Kaspar von Oppen auf Kossenblatt und der Katharina v. Dyhrrn, am 18.12.1575 einen reichen Mann, das bezeugen auch Schuldforderungen des Andreas Klitzing z.B. an das Domkapitel von Magdeburg 1 900 Goldgulden; 10600 Thlr. an die Magdeburger Regierung.

Kaetha war eine ebenso fromme wie tatkräftige Frau. Sie ließ die baufällige Kirche von Walsleben neu erbauen und den Altar ausschmücken. Ein Altarleuchter von 1582 zeigt ihr Wappen. Auch für die Kirche in Drewen stiftete sie Leuchter. Die Kirchen von Walsleben, Demerthin und Drewen erhielten von ihr ein Legat von 200 Thlr. Im Jahr 1600 errichtete sie eine Stiftung mit 1000 Thlr. für Stipendien an studierende Söhne der Prediger zu Walsleben, Demerthin und Rosenwinkel und für die Söhne des v. Klitzingschen und v. Oppenschen Geschlechts. Beim Fehlen geeigneter Bewerber sollten gottesfürchtige, fromme, ehrliche und dessen bedürftige Töchter von Untertanen die Zinsen in Höhe von 50 Thlr. zur Ausstattung erhalten.

Ein altes Trinkgefäß

Das von ihrem Mann hinterlassene große Vermögen verwaltete und vermehrte Kaetha sachkundig und entschieden: Sie verlieh Geld, trieb verpfändete Güter ein, führte Prozesse. Im Jahr 1595 erhielt sie eine von ihrem Mann verliehene Summe von 34 284 Thlr. ausgezahlt. Es heißt, dass die Klitzings zu Walsleben und Demerthin zu Beginn des 30jährigen Krieges zwei Tonnen Gold besaßen - ein Riesenvermögen! Entsprechend großartig war Kaethas Haushaltung in dem im 30jährigen Krieg vernichteten Schloss Walsleben. Ein Chronist berichtet von einem Haushalt nach fürstlicher Art mit adligen Hofjungfern, Dienerinnen der Edelfrau, Hofmeister, Hofgärtner, Hofjäger und Hofschneider.

Ihre Töchter verheiratete Kaetha gut: Anna verehelichte sich mit Burchard von Saldern auf Wilsnack und Pattenburg; Kaethe heiratete den Achaz von Jagow und hatte 14 Kinder.

Die Ausbildung von Kaethas Söhnen Dietrich (1580-1614) und Kaspar (1581-1638) entsprach dem Lebensstil auf Schloss Walsleben: Zusammen mit seinem Bruder bezog Dietrich 1595 die Universität Leipzig. Später bereisten die Brüder Frankreich und die Niederlande. Kaspar studierte auch in Italien, wo er in Rom und auf anderen vornehmen Universitäten längere Zeit verweilte. Wir sehen: Kaethas Söhne unternahmen eine Grand Tour, wie sie in Fürstenhäusern üblich war, während der gemeine Adel kaum lesen und schreiben konnte.

Nach dem Tode des Kanzlers Lambert Diestelmeyer empfing Dietrich Klitzing mit seinem Bruder Kaspar zu allen seinen Gütern auch noch die Belehnung mit Radensleben, dazu Palzow und Dannenfelde.

Im Jahr 1604 erbaute Kaetha Schloss Demerthin mit seinem eindrucksvollen Portal - schließlich musste auch der 2. Sohn eine standesgemäße Behausung haben! Vielleicht hat diese aktive Kauffrau neben all ihren anderen kaufmännischen Aktivitäten auch in großem Stil mit Butter und Eiern gehandelt. Doch auch ohne dies hätte ihr Geld für den Bau von Schloss Demerthin gereicht!

Am 29.6.1621 starb Kaetha in Walsleben und besaß damals 30 Enkel und 5 Urenkel.

Während das prunkvolle Schloss Walsleben im 30jährigen Krieg verbrennt, kündet noch heute die hohe Giebelfront von Schloss Demerthin von Anspruch, Tatkraft und Schönheitsempfinden seiner Erbauerin. An der durch Kaetha Klitzing 1590-1592 erbauten Dorfkirche in Walsleben zeigt der Ostgiebel mit seinen Stichbogenblenden den alten Zustand. Ihrem Mann - in Ritterrüstung - widmete Kaetha einen in die Nordseite der Kirche eingelassenen Grabstein. Die pokalförmige Sandsteintaufe mit ihren Wappenreliefs eben dort stiftete Kaethas Mann, Andreas Klitzing.

Ein Haus in Demerthin

Ehrentraut von Klitzing - Demerthin im Dreißigjährigen Krieg

Im Jahr 1620, ein Jahr vor dem Tod seiner Mutter Kaetha, heiratete Kaspar Klitzing (1581-1631), Ehrentraut von Wulffen (1591-1659). Kaspar besaß nach dem Tode seines Bruders Dietrich (1614) nicht nur Demerthin, sondern auch Walsleben und Radensleben. Vor der Heirat mit Ehrentraut war Kaspar von 1610-1619 mit Anna von der Schulenburg verheiratet, die nach der Geburt von vier Töchtern und einem Sohn Andreas Dietrich in Kindsnöten starb.

Ehrentraut erlebte Schloss Walsleben in aller seiner Pracht. Zu ihren Pflichten als Herrin des großen Haushaltes kam die Erziehung fünf kleiner Kinder erster Ehe und die der eigenen Kinder, der Töchter Elisabeth Sophie (1622-1639) und Anna Ehrentraut (1628-1662) sowie des früh verstorbenen Sohnes Kaspar Ludolf (1625-1626). Die Leichenpredigt für Ehrentraut schildert sie als eine fromme, gottliebende aufrichtige und tugendsame Frau, die über ein enormes Gedächtnis verfügte: "Was sie gelesen, auch die Gebete konnte sie memoriter behalten". Sie beförderte die Ehre Gottes, in dem sie die ihr angehörigen Kirchen und Schulen mit treuen Predigern und Schuldienern versah und - das ist wegen der schweren Kriegszeiten bemerkenswert - denselben auch in betrübten Kriegszeiten den notdürftigen Unterhalt verschaffte. Für die studierende Jugend gründete sie ein Stipendium.

Erinnern wir uns: Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges galten die Klitzings als steinreiche Leute. Jetzt mussten sie wegen raubender und plündernder Horden ihre Besitztümer verlassen. Kurz nach der Geburt ihres Sohnes Kaspar Ludolf begab sich die Familie - mit sieben Kindern, dazu sicher Diener, Köchin, Kindermädchen - "wegen schädlicher und hochgefährlicher Kriegseinquartierungen gleichsam ins Elend, in Hitze und Kälte von einem Ort zum anderen". "Als Kaspar sich wegen der Kriegsgefahr nach Cöln an der Spree begeben hatte und im August 1628 aus dem Exil zurückkehrte, stiftete die Frau Patronin aus Dankbarkeit für die Errettung aus mancherlei Krankheit und da sie die Güter besser befunden als sie gedacht, 300 Thlr., wovon alljährlich der Pfarrer 18 Thlr. für Mittwochspredigten gezahlt erhalten soll. Auch schenkt sie der Kirche einen doppelten Kirchenornat, ein weißes Chorröckchen und ein Leibfarbentuch für die Kommunion, dem Gottesdienst zur Zierde."

Ein goldener Pokal

Die Klitzings fanden also im Jahr 1628 bei ihrer Rückkehr ihre Güter in leidlicher Ordnung vor. Doch während der schlimmsten Jahre 1636-1638 ruinierten Krieg, Brand und Plünderung das Land und auch die Klitzingschen Besitzungen. Zur Kriegsnot kamen Hunger und Pest. Dazu einige Nachrichten aus dem Raum Prignitz-Ruppin: Der kaiserliche General Gallas benutzte während seines einmonatigen Aufenthalts im Raum Ruppin Schloss Walsleben als Hauptquartier und ließ beim Aufbruch alle Dörfer anzünden. "Was noch nicht abgebrannt, das ist niedergerissen. Aller Vorrat an Gerste ist vom Felde von den Soldaten gegerafft und ausgedroschen worden. Der Roggen wurde nicht wieder besät, weshalb die Leute sich ans Kraut halten mussten." Für das den Klitzings gehörende Radensleben schreibt ein Überlebender: "Hier sind die Leute so sehr gestorben, dass man sie nicht beerdigen konnte, sondern die Hunde haben sie gefressen, und hernach haben die wenigen Leute wieder die Hunde gegessen. Die Kriegsleute haben mich oft ins Holze gejagt, habe Eckern essen müssen vor Hungersnot; einmal haben sie mich mit Stricken gebunden und ermorden wollen".

Die Klitzings flohen nach Berlin. Wovon leben? Ehrentraut versetzte für 1000 Thlr. ihr Gold und Geld, um ihrem Ehemann ein standesgemäßes Leben zu ermöglichen. Kaspar borgte kleine Summen, z.B. 100 Thlr. vom Diakon von St. Nikolai/Berlin. Im schweren Kriegsjahr 1638 starb Kaspar Klitzing in Berlin.."

Nach dem Tod von Kaspar Klitzing erbte sein durch einen Schenkelbruch behinderter Sohn erster Ehe Andreas Dietrich die Güter Walsleben, Radensleben und Demerthin. Die vier Töchter erster Ehe und die beiden Töchter zweiter Ehe erhielten zur Ausstattung je 12 000 Thlr. in Brief und Siegeln, bezogen vermutlich auf den ruinierten Landbesitz. Die Witwe Ehrentraut bekam als Leibgedinge auf Lebenszeit Demerthin mit den Vorwerken zu Drewen, Karnzow und Brüsenhagen. Als sie am 8. Juli 1639 nach Demerthin kam, lag alles lag öde und wüst, weder Vieh noch Brot noch Saatkorn waren vorhanden. Wegen der großen Kriegsunruhen und Unsicherheit konnte sie erst drei Jahre später mit großer Mühe und durch Aufnehmen von zinsbaren Posten langsam anfangen, die Wirtschaft aufzubauen. Sie ließ die Gebäude reparieren und versorgte die Bauern mit Korn und Vieh.

Im Jahr 1649 heiratete Ehrentrauts Tochter Anna Ehrentraut den geheimen Etat- und Kriegsrat Claus Ernst von Platen (1612-1669) und bekam vier Kinder.

Während ihrer letzten Lebenszeit litt Ehrentraut an Schmerzen und Atembeklemmungen, so dass sie ihr Zimmer nicht verlassen konnte. Um die Predigt zu hören und am Gottesdienst teilnehmen zu können, ließ sie im Demerthiner Schloss eine Hauskirche einrichten. Hier nahm sie vor ihrem Tode im Beisein ihrer Tochter und der Hausgemeinde das heilige Abendmahl und starb am 29. September 1659. Die Beisetzung erfolgte zu St. Marien in Berlin am 15.2.1600.

Mit ihrem Stiefsohn Andeas Dietrich bestand eine nicht ganz übersichtliche finanzielle Verflechtung, die schließlich dazu führte, das Demerthin für 70 Jahre Platenscher Pfandbesitz wurde: 1651 hatte Ehrentraut an Andreas Dietrich (gest. 1660, aus der 1. Ehe mit Anna v. d. Schulenburg) eine Forderung von 26 217 Thlr. von denen schließlich 16 500 Thlr. blieben, als Pfand galt Demerthin. Andreas Dietrich verpflichtete sich, beim Einlösen dieses Pfands alle inzwischen aufgewandten Baukosten zu erstatten. Da Andreas Dietrich die Pfandgüter nicht einlöste, übernahm nach Ehrentrauts Tod ihre Tochter Anna Ehrentraut, verh. von Platen, Demerthin als Pfandbesitz. Dadurch ging Demerthin als Pfandbesitz an die Platens, bis nach vielerlei Rechtstreit die Klitzing ab 1738 wieder in Demerthin einziehen konnten.

An Ehrentraut Klitzing erinnert in der Kirche von Demerthin birgt ein Epitaph: Das rechts neben dem Altar stehende stark nachgedunkelte, mit Blech verkleidete Denkmal zeigt ein farbiges Allianzwappen Klitzing / von Wulffen mit der Jahreszahl 1660, rechts und links die Wappen der Vorfahren, über und unter dem Allianzwappen eine lange Inschrift.

Das Allianzwappen Ein Grabstein in der Kirchwand

Ein an der Nordwand des Innenraums der Kirche von Walsleben eingefügter Kindergrabstein könnte sich auf Ehrentrauts Sohn Kaspar Ludolf beziehen.

Literatur:

Schmidt, Georg: Die Familie von Klitzing. 3 Bde. (1891-1907),
Rohr, Hans Olof von: Qui transtulit. 1963,
Mitteilungen von Dr. Klaus Karbe - Ich danke Herrn Dr. Klaus Karbe für vielerlei Hilfe.

Adda von Klitzing - letzte Schlossherrin von Demerthin

 

Adda von Klitzing Adda von Klitzing

Letzte Schlossherrin auf Demerthin war Adda von Klitzing (1876-1956). Mit der ihr eigenen Tatkraft hat diese früh verwitwete Frau vom Jahr 1901 bis zu ihrer Vertreibung 1945 das Gut Demerthin und das dazu gehörende Wilhelmsgrille bewirtschaftet. Morgens um 7 Uhr stand die Gutsherrin auf dem Hof und teilte die Arbeit ein, später ritt sie über die Felder und sah nach dem Rechten. Da konnte es geschehen, dass sie zu einem im nassen Boden festgefahrenen Wagen kam, dessen Kutscher laut schimpfend auf die Pferde einprügelte. Adda von Klitzing - im langen Reitkleid - stieg ab, ließ ein paar Äste vor die Räder werfen, beruhigte die schweißgebadeten Pferde, ergriff die Zügel und kutschierte den Wagen vom Acker. Nachmittags kontrollierte Adda - diesmal im Wagen - die Feldarbewit. Abends saß sie am Schreibtisch und erledigte den Bürokram.

Adda war nicht nur begeisterte Reiterin sondern züchtete auch brandenburgisches Warmblut und - als teures Hobby - Vollblutpferde. Mit ihrem Kutscher Wilhelm Person verband sie ein Vertrauensverhältnis, dass es dem erfahrenen Mann erlaubte ihren Vorschlägen zu widersprechen: Wenn Kutscher Person zu einem Ihrer Pläne sagte "gnä Frau, des jinge wohl, aber det jeht nicht" dann verschwand der Vorschlag der Schlossherrin in der Versenkung.

Wie auf anderen Gütern auch gab es zu Weihnachten eine Weihnachtsbescherung für die Arbeiterkinder. Ungewöhnlich, die vielen dabei verschenkten Strickstrümpfe, Schals und Mützen: Die vielbeschäftigte Gutsherrin liebte auch bei ihren Gästen keinen Müßiggang. Deshalb versorgte im Sommer oft wochenlang weilende Freunde und Verwandte mit Wolle, jeder strickte und trug so zu der alljährlichen weihnachtlichen Bescherung bei.

Streng und immer um Gerechtigkeit bemüht kümmerte sich die Gutsherrin um die Wohlfahrt ihrer Angestellten und Arbeiter. Jeder konnte sein Anliegen zu ihr bringen. Mit der Gemeindeschwester besprach sie die Nöte in den Familien. Die Arbeiter sprachen von ihr als "Muttern" und nannten den weithin sichtbaren, vielleicht mahnenden Schlossturm "Mutters Finger".

Im Jahr 1921 streikten die die Kühe versorgenden Schweizer. Adda von Klitzing bat den Pfarrer um Hilfe und mistete mit pastörlichem Beistand den Kuhstall aus. Seitdem galt die angesehene Schossherrin als "einziger Mann der Prignitz".

Den Nationalsozialismus lehnte Adda von Klitzing mit Entschiedenheit ab. Sie weigerte sich, ihre Hand zum "Deutschen Gruß" zu erheben und äußerte ihre Ansicht unverhohlen. Dazu Kutscher Person: "Muttern red` sich noch um Kopf und Kragen". So kam es, dass die Gestapo sie eines Tages abholte und in das berüchtigte Berliner Gefängnis in Prinz Albrechtstraße brachte. Nur durch den entschiedenen Einsatz einflussreicher Freunde "die alte Frau ist ja nicht mehr klar im Kopf" kam sie wieder frei.

Im Jahr 1945 wurde Adda von Klitzing, diese weithin bekannte und angesehene Persönlichkeit, trotz ihrer offenkundigen antifaschistischen Haltung enteignet und vertrieben. Im Kloster/Damenstift Marienfließ bei Stepenitz fand sie Zuflucht und übernahm bald die Funktion einer Domina (Oberin), die sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1956 ausübte.

Während des Begräbnisses der alten Demerthiner Schlossherrin auf dem Friedhof von Marienfließ/Stepenitz läuteten auch die Demerthiner Kirchenglocken und trotz aller Hetze gegen die alten Gutsbesitzer waren treue Demerthiner zur Beerdigung gekommen. Das Thema der Begräbnisansprache und zugleich Addas Konfirmationsspruch lautete "Wir haben hier keine bleibende Statt, aber die Zukünftige suchen wir" Hebr. 13, 14.

Den Herbststürmen des Jahres 1956 fiel im Demerthiner Park eine mehr als 700 Jahre alte Eiche zum Opfer - sie hatte das Leben der Demerthiner Klitzings vom Beginn bis zum Ende begleitet.

SV Anmeldungen: Verein "Prignitz Dorf Demerthin", Schulstr. 10, 16866 Demerthin, T. 033977-34

E. von Falkenhausen: Tante Adda aus meiner Sicht

Tante Adda - das Besondere dieser Frau wurde mir erst in der Nachkriegszeit bewusst: Tante Adda und ihre Freundin Meta Lupin übernachteten bei uns in unserer mit zwei kleinen Söhnen dicht bevölkerten Drei-Zimmer-Wohnung in Hannovers Südstadt, denn ihr Neffe Otto Rohr sang in der Stadthalle, das mag im Jahr 1953 gewesen sein. Tante Adda, die damals im Kloster Marienfließ Zuflucht gefunden hatte, verlor kein Wort über den Verlust von Demerthin, kein Wort überhaupt zur Vergangenheit. Durchaus gegenwärtig war sie voller Interesse für Menschen in unserer Umgebung. Das beeindruckte mich.

In meiner Kindheit gehörte Tante Adda zum größeren Familienkreis. Als eine meiner Mutter von Jugend auf vertraute Cousine Rohr und als Nachbarin im sieben Kilometer entfernten Demerthin, reiste sie zu allen größeren Festlichkeiten an - meist zusammen mit Ihrem Diener Müßigbrot, der beim Servieren half.

Tante Adda, als Witwe dunkel gekleidet, mit wadenlangem Rock, war stockkonservativ. Ich entsinne mich an eine sommerliche Teestunde im sonnendurchleuchteten Dannenwalder Gartenzimmer am zierlichen Rokotisch. Tante Adda mit ihrer tiefen Stimme: "England, das ist doch noch was, da sind sie mit Pferden zur Krönung gefahren!" Vor Begeisterung ob dieser uraltmodischen Weltsicht stießen mein Bruder Gisbert und ich uns unter dem Tisch mit den Füßen an.

Ihre konservative Sichtweise bewahrte Tante Adda vor jeder Sympathie gegenüber dem Nationalsozialismus. "Es muss doch endlich zur Katastrophe kommen" war eine ihrer häufigsten Redewendungen. Nachdem sie sich in irgendeiner Situation genötigt sah, ihre Hand zum deutschen Gruß zu erheben, schimpfte sie "dass ich den Geßlerhut grüßen muss!"

Tante Adda war eine gute Gastgeberin. Im Jahr 1938, in der Nachweihnachtszeit, gab sie ein Essen zu Ehren der verlobten nachbarlichen Kinder: Mein ältester Bruder Otto-Albrecht hatte sich mit Esther Arnim verlobt, auch bei den Platens in Wutike gab es ein jungverlobtes Paar. Ich, 15jährig, genoss das Ereignis. Ankunft in Demerthin: Der hoch auflodernde Kamin in der großen Eingangshalle. Die uns abgenommenen Mäntel verschwanden in einem riesigen Schrank. Im Salon erste Gespräche. Die Lasker Putlitze waren mit Wolfgang, ihrem im diplomatischen Dienst stehenden ältesten Sohn, gekommen, der wurde auch von den älteren Männern mit einem gewissen Respekt behandelt. Müßigbrot meldete "Gnädige Frau, das Essen ist angerichtet!" Wir gingen zu Tisch.

Adda von Klitzing

Nachmittäglicher Besuch in Demerthin, diesmal im gemütlichen kleinen Wohnzimmer mit Blick auf den Park. Wie meine Mutter auch bereitete Tante Adda den Tee selbst. Tante Addas liebevoll gehegten, braunen Glatthaardackel wurden vorgestellt und bewundert: Die alte Lumpi mit kleinem weißen Bart, ihre dunklere Tochter Läuschen und als Jüngste das schlanke Lieschen. Nach dem Tee ein Gang durch den Park. Wie schafft man die Pflege solch eines großen Parks, vor allem die vielen Wege? Solche Fragen interessierten meine Mutter und Tante Adda gleichermaßen.

Im Krieg, wenn meine Brüder auf Urlaub waren, lud Tante Adda zum Abendbrot ein. Auf dem tiefverschneiten Weg nach Demerthin zeigte uns mein Bruder Gisbert, wie man in Russland mit Schwung und hohem Tempo verschneite Wege meistert. Immerhin, wir kamen heil in Demerthin an und genossen das gute Essen. Danach durften die Brüder vorsichtig aber mit großem Hallo uralte seidene Fräcke anprobieren - ein Frack gelb, der andere himmelblau.

Die Kirche

 

Die Kirche von Demerthin Der Altar der Kirche

Die aus dem 15. Jahrhundert stammende Feldsteinkirche wurde mehrfach überbaut. Innen entzückt uns der heiter wirkende barocke Kanzelaltar: Ganz oben steht ein triumphierender Christus flankiert von zwei trompetenden Engelchen. Auf den an der Südseite gut erhaltenen Wandmalereien deuten große Weihekreuze auf eine Entstehung vor der Reformation hin. Wir erkennen Jesus als Weltenrichter, Maria im Rosenkranz - anderes ist schwer einzuordnen. Bei ihrer Entdeckung in den Jahren 1968/1969 leuchteten diese farbigen Malereien. Durch das Tageslicht schwand die Farbe dahin.

An den Wangen einer Bank können wir geschnitzte Inschriften erkennen: "Catharina. v. Klitzingin. Claus Arnsberges nagelatn. Wedewe. gaf. diesen Stul." Und "verbum. domini. manet in aeternum 1566". Eine Bank aus dem Jahre 1566! Da Gemeindeglieder bis zur Reformation während des Gottesdienstes standen, ist dies sicher eine der ältesten Kirchenbänke der Prignitz.

Kirchenschlüssel bei der Informationsstelle auf dem Schlosshof

Die schwarze Horst - eine Stätte früher deutscher Besiedlung?

Schwarze Horst, so heißt die Stelle, an der sich der Klitzingsche Begräbnisplatz befindet. Wenn wir auf der Bundesstraße 5 vor dem Verlassen des Runddorfes Demerthin nach rechts abbiegen, finden wir den Zugang zur schwarzen Horst: Hinter dem zweiten Gehöft biegt ein schmaler Weg ins Feld, dem wir 500 m folgen. Nach rechts führt nun ein von Busch und Baum gesäumter Weg zur schwarzen Horst. Die nach 1945 zerstörten Gräber und Grabdenkmäler ordnete die Klitzingsche Familie unter einem Kreuz. Doch die schwarze Horst birgt mehr: Wir stehen inmitten eines alten Rundwalles. Eine Erhöhung im Inneren dieses Rundes lässt sich als Turmhügel deuten. Scherben aus der ersten Zeit deutscher Besiedlung wurden gefunden. Legten die ersten deutschen Kolonisten hier im 12. Jahrhundert im Schutze eines Rittersitzes ein Dorf an?

Unter der Rubrik "Highlights" finden sie noch einige Fotos und Texte zu Demerthin


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